Human Factors Training – der unterschätzte Hebel erfolgreicher Organisationsentwicklung

Digitalisierung, Fachkräftemangel, steigende Komplexität und hoher Zeitdruck erzeugen ein hohes Maß an organisationalem Stress. Mit klassischen Ansätzen der Organisationsentwicklung ist diese Entwicklung immer weniger zu bewältigen. Um handlungsfähig zu bleiben, müssen Organisationen widerstandsfähiger, lernfähiger und kooperationsfähiger werden.
Dabei zeigt sich: Der entscheidende Faktor ist nicht die Methode, sondern der Mensch.
Denn Organisationen verändern sich nur dann nachhaltig, wenn Verhalten, Wahrnehmung, Entscheidungsprozesse und Kommunikation bewusst entwickelt werden. Genau hier setzt Human Factors Training an.
Was die Luftfahrt vorgemacht hat – und warum es für andere Branchen entscheidend ist

Abb. 1: Marco Dürbrook, ©HFTraining Hamburg
Ende der 1970er Jahre erkannte die Luftfahrt, dass technologische Fortschritte allein keine Sicherheit garantieren. Eine gemeinsame Untersuchung von FAA, NTSB und NASA zeigte, dass rund 80 Prozent aller schweren Vorfälle vorrangig auf menschliche Faktoren zurückzuführen waren: Es kam zu Missverständnissen, Situationen wurden fehlinterpretiert, Fehlentscheidungen getroffen, Hierarchiegefälle lenkten vom richtigen Handeln ab. Um menschliche Fehler zu vermeiden, galt es, Piloten über ihr menschliches Leistungsvermögen und dessen Grenzen zu sensibilisieren: Die Geburtsstunde des Human Factors Trainings.
Human Factors Training – auch als Crew Resource Management bekannt – zielt darauf ab, das Wissen über menschliches Verhalten und Handeln sowie einschränkende Faktoren zu erhöhen, um die Leistung, Sicherheit und Zuverlässigkeit am Arbeitsplatz zu steigern. Es werden nicht-technische Fähigkeiten vermittelt, welche die zwischenmenschliche Kommunikation verbessern, Handlungssicherheit in Stresssituationen erhöhen, Zusammenarbeit im Team stärken und Entscheidungsfindungsprozesse effektiver gestalten. So lassen sich die verfügbaren Ressourcen optimal einsetzen und nutzen.
Das Ergebnis: Obwohl das Passagieraufkommen stetig wuchs, wurde das Fliegen immer sicherer.

Abb. 2: Anzahl der Todesfälle in der kommerziellen Zivilluftfahrt und Entwicklung des weltweiten Passagieraufkommens (Quellen: Aviation Safety Network, UN-Luftfahrtorganisation ICAO, IATA)
Die Erkenntnis, dass der Mensch der Schlüssel zum Erfolg ist, ist branchenübergreifend gültig: Überall dort, wo Menschen in komplexen Systemen arbeiten, entscheidet ihr Verhalten über Qualität, Sicherheit und Erfolg.
Human Factors als Fundament moderner Organisationsentwicklung
Somit ist es auch für die Organisationsentwicklung (OE) bedeutend: OE-Projekte scheitern weniger an der Prozesslogik als vielmehr am menschlichen Verhalten im Umgang mit diesen Prozessen oder deren Veränderungen. Widerstände, Missverständnisse, Entscheidungsfehler oder fehlende psychologische Sicherheit sind die wahren Erfolgsbremsen.
Nutzt man Human Factors Training im Rahmen von Organisationsentwicklungen, ergeben sich drei zentrale Wirkungsebenen:
1. Individuum – wie Menschen wahrnehmen, denken und entscheiden
Auf individueller Ebene geht es darum zu verstehen, wie Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten und unter Druck Entscheidungen treffen. Wahrnehmungsgrenzen, Aufmerksamkeitssteuerung und mentale Modelle prägen, was wir sehen – und was wir übersehen. Typische Denkfallen wie Bestätigungsfehler oder Zielfixierung beeinflussen Entscheidungen oft stärker als Fakten. Hinzu kommen Stressreaktionen, welche die Urteilsfähigkeit einschränken können, sowie Aspekte wie persönliche Verantwortung, Rollenverständnis und Selbstführung.
Warum das für Organisationsentwicklungen wichtig ist:
Veränderungen können nur greifen, wenn Menschen Prozesse nachvollziehen, verstehen und im Alltag praktikabel umsetzen können. Ohne Verständnis des individuellen Verhaltens scheitern selbst gut gestaltete Maßnahmen.
2. Team – wie Zusammenarbeit wirklich funktioniert
Teams sind der Ort, an dem Qualität und Veränderung tatsächlich entstehen. Dafür braucht es klare und präzise Kommunikation, gemeinsames Situationsbewusstsein und transparente Entscheidungswege. Ebenso entscheidend sind ein klares Verständnis von Rollen und Aufgaben sowie die Fähigkeit, Konflikte offen anzusprechen und eine konstruktive Feedbackkultur zu leben.
Warum das für Organisationsentwicklungen wichtig ist:
Veränderungsprojekte scheitern nicht am Inhalt, sondern an Schnittstellen. Teams benötigen Kommunikations- und Koordinationskompetenz, um einen Wandel nicht nur mitzugehen, sondern aktiv zu tragen.
3. Organisation – wie Strukturen Verhalten prägen
Auf organisationaler Ebene zeigt sich, wie sehr Systeme das Verhalten von Menschen beeinflussen. Eine gelebte Fehler- und Sicherheitskultur, ein konstruktiver Umgang mit Abweichungen, funktionierendes organisationales Lernen sowie eine Führung, die Orientierung und psychologische Sicherheit schafft, sind entscheidende Voraussetzungen. Dazu kommen klare, verständliche Strukturen und Prozesse, die Mitarbeitende entlasten, statt sie zusätzlich zu belasten.
Warum das für Organisationsentwicklungen wichtig ist:
Selbst hochqualifizierte Mitarbeitende können in schlecht gestalteten Systemen nicht zuverlässig handeln. Erst ein unterstützendes organisationales Umfeld ermöglicht konsistente Qualität und echte Veränderungsfähigkeit.
Damit die Integration von Human Factors wirksam ist, braucht es nicht sofort eine große Transformation. Entscheidend sind gut platzierte, pragmatische Schritte, wie zum Beispiel:
- Human Factors Trainings als Bestandteil von Projekten
- Aufbau von nicht-technischen Fähigkeiten für Führungskräfte und Schlüsselrollen
- Einführung von Briefing- und Debriefing-Formaten in Teams
- Aufbau einer konstruktiven Fehlerkultur durch einfache, wiederkehrende Routinen
- Analyse menschlicher Faktoren in Audits, Abweichungsanalysen oder Unfalluntersuchungen
- Begleitung von Veränderungsprozessen durch Human Factors Experten
Alle diese Maßnahmen erhöhen nicht nur die Veränderungsbereitschaft, sondern auch Qualität, Sicherheit und Effizienz im Alltag.
Human Factors ist demnach kein „Soft Skill“-Thema, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor der Organisationsentwicklung. Wer menschliches Verhalten, Entscheidungsfindung und Kommunikation bewusst in Veränderungsprozesse integriert, erreicht:
- höhere Prozess- und Arbeitssicherheit
- mehr Akzeptanz von Neuerungen
- bessere Teamleistung
- robustere Organisationen
- nachhaltige Qualitätsentwicklung
So macht die Integration und Berücksichtigung von Human Factors die Organisationsentwicklung menschlicher – und erfolgreicher.

Abb. 3: Mário Lucka, Jacqueline Kroker, Marco Dürbrook (© HFTraining Hamburg)
Das Gründerteam von HFTraining Hamburg bietet gemeinsam mit ihrem erfahrenen Trainerteam eine Vielzahl an Trainings, Beratung und Konfliktmanagement im Bereich menschlicher und organisatorischer Prozesse an. In Zusammenarbeit mit der DGQ ist so das Human Factors Training entstanden. Jetzt anmelden »
Über die Autorin:
Jacqueline Kroker ist Human Factors Expertin und gründete 2020 gemeinsam mit ihren Kollegen Mário Lucka und Marco Dürbrook die Partnerschaftsgesellschaft HFTraining Hamburg. Als ehemalige Fluglotsin und Luftwaffen-Offizierin, die Politikwissenschaft und Human and Resource Management studierte, coacht und berät sie heute vor allem Hochrisikoorganisationen zu menschlichen und organisatorischen Faktoren und bringt so Veränderungen aktiv und nachhaltig voran. Sie zeigt: „Das größte Potenzial zu Fortschritt und Erfolg steckt im Menschen. Es zu erkennen und zu fördern ist maßgeblich für die Organisationsentwicklung.“
