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Wie entsteht eine ISO Norm?

Normen sowie deren Anwendung und Interpretation sind im Qualitätsmanagement und in der Qualitätssicherung kaum mehr wegzudenken. Sie spiegeln den Stand der Technik wider und definieren Anforderungen und Merkmale für Vorgehensweisen und Tätigkeiten sowie für Produkte und Dienstleistungen. Insbesondere Managementsystemnormen bieten eine komprimierte Zusammenfassung des vorhandenen Wissens aller im internationalen Normungsprozess involvierten Personen. Somit ermöglicht die Anwendung von Managementsystemnormen die Nutzung von gesammeltem Expertenwissen und unterstützt die eigene Organisation im systematischen Vorgehen zur Zielerreichung. Doch was ist Normung? Wie entsteht eine Norm? Und wer beeinflusst die Normeninhalte?

Nationale und internationale Normung

Die Welthandelsorganisation (WTO) hat im Rahmen des Übereinkommens über technische Handelshemmnisse Kriterien für die internationale Normung festgelegt. Diese Kriterien beinhalten Regeln zur Sicherstellung einer transparenten, fairen, für die Öffentlichkeit zugänglichen, nicht‑diskriminierenden, effizienten und die Harmonisierung fördernden Normungsarbeit. Basierend auf diesen Kriterien hat die WTO drei international tätige Organisationen und deren Vorgehen in der Normungsarbeit anerkannt. Neben der Internationalen Organisation für Normung (ISO) sind dies die Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) und die Internationale Fernmeldeunion (ITU) für die Fachgebiete der Elektrotechnik und der Telekommunikation.

Zusätzlich gibt es normenschaffende Organisationen auf nationaler und regionaler Ebene. Durch den Normenvertrag ist das Deutsche Institut für Normung (DIN) die einzige von der Bundesrepublik Deutschland anerkannte nationale Normenorganisation in Deutschland. In den Fachgebieten der Elektrotechnik und der Telekommunikation erfolgt die Normungsarbeit in der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE (DKE).

Engagement in Normenausschüssen und Technischen Komitees

Die Normungsarbeit des Deutschen Instituts für Normung (DIN) ist in unterschiedlichen Normenausschüssen organisiert. Diese sind für die nationale Normung auf deren jeweiligem Arbeits- und Wissensgebiet verantwortlich. Die Interessen aller relevanten Interessensgruppen sind durch die Normenausschüsse der nationalen normenschaffenden Institutionen zu berücksichtigen. Demzufolge können sich alle an der Normenerstellung interessierten Parteien an der Ausschussarbeit beteiligen. Als interessierte Partei gelten bspw. Hersteller, Industrie und Handwerk, Anwender wie Prüf- und Zertifizierungsinstitute, Wissenschaft und Forschung, die öffentliche Hand, der Verbraucher-, Arbeits- und Umweltschutz, Regelsetzende Organisationen, Gewerkschaften und Nicht‑Regierungsorganisationen. Die Mitarbeit erfolgt freiwillig und alle Entscheidungen in den Gremien werden im Konsens getroffen.

Die Normungsarbeit der Internationalen Organisation für Normung (ISO) erfolgt in unterschiedlichen Technischen Komitees, Unterkomitees und Arbeitsgruppen. Mitgliedsorganisationen der ISO können in der internationalen Normung aktiv mitarbeiten oder beobachtend mitwirken. Das DIN ist Mitglied bei der ISO und somit berechtigt, Delegierte und Experten in die internationalen Normungsgremien zu entsenden.

Ausgestaltung des Normungsprozesses bei ISO

Das Vorgehen bei der Erarbeitung von ISO‑Normen ist in acht Projektstufen gegliedert.

 

 

1. Vorstufe:

Technische Komitees und Unterkomitees können neue Themen oder Themen mit noch unzureichendem Ausarbeitungsgrad für die Normungsarbeit vorschlagen. Bei positivem Ergebnis der Bedarfsprüfung durch das zuständige Technische Komitee wird das neues Projekt zur weiteren Bearbeitung in der Vorschlagsstufe freigegeben. Bei negativem Ergebnis wird das Thema drei Jahre lang jährlich erneut überprüft, bevor es aus der Themenliste gestrichen wird.

2. Vorschlagsstufe:

Vorschläge für die Erarbeitung einer internationalen Norm können auch von Mitgliedsorganisationen, von Stellen innerhalb der ISO und von weiteren relevanten Organisationen eingebracht werden. Wenn zwei Drittel des Normungsgremiums die Erarbeitung einer internationalen Norm positiv bewerten und sich ausreichend Mitglieder zur aktiven Mitarbeit verpflichten, dann ist das neue Projekt für die weitere Bearbeitung in der Bearbeitungsstufe freigegeben und die Vorschlagsstufe abgeschlossen. Bei Vorliegen eines negativen Abstimmungsergebnisses wird der Anwendungsbereich des Projektes erweitert und die Abstimmung wiederholt oder das Projekt abgebrochen.

3. Bearbeitungsstufe:

Für die Bearbeitungsstufe wird eine Arbeitsgruppe gegründet. Diese erarbeitet über eine Reihe von Arbeitsentwürfen einen ersten Komitee-Entwurf, der in der nachfolgende Komiteestufe in Umlauf gebracht wird.

4. Komiteestufe:

Alle aktiv mitarbeitenden sowie alle beobachtenden Mitglieder des zuständigen Normkomitees stimmen über den Komitee‑Entwurf ab und kommentieren diesen. Die aktiv mitarbeitenden Mitglieder überarbeiten den Komitee-Entwurf unter Berücksichtigung der Kommentare und legen den neuen Entwurf erneut zur Abstimmung und Kommentierung vor. Diese Vorgehensweise wird so lange wiederholt, bis ein einvernehmlich verabschiedeter Entwurf vorliegt. Dieser dient in der anschließenden Umfragestufe als Umfrage-Entwurf.

5. Umfragestufe:

In der Umfragestufe wird der Umfrage-Entwurf an alle Mitglieder der ISO zur Prüfung und Abstimmung verteilt. Dieser Umfrage-Entwurf gilt als angenommen, wenn eine positive Beurteilung durch zwei Drittel der aktiv mitarbeitenden Mitglieder des zuständigen Technischen Komitees oder Unterkomitees und drei Viertel aller abgegebenen Stimmen erfolgt.

  • Bei positivem Abstimmungsergebnis ohne Änderungserfordernisse wird der Umfrage-Entwurf in die Veröffentlichungsstufe übergeleitet.
  • Bei positivem Abstimmungsergebnis mit formellen Änderungserfordernissen wird der Umfrage-Entwurf formell verändert und als Schlussentwurf in die Annahmestufe übergeleitet.
  • Bei negativem Abstimmungsergebnis wird der Umfrage-Entwurf zurück in die Komiteestufe geleitet. Das zuständige Normkomitee erarbeitet einen neuen Umfrage‑Entwurf und legt diesen erneut zur Abstimmung vor.

Die Umfragestufe endet mit der Entscheidung und der Übermittlung der Ergebnisse an die Mitgliedsorganisationen.

6. Annahmestufe:

Über die Annahme des Schluss‑Entwurfs stimmen alle ISO-Mitglieder ab. Der Schlussentwurf gilt als angenommen, wenn eine Zwei-Drittel-Mehrheit der aktiv mitarbeitenden Mitglieder des zuständigen Technischen Komitees oder Unterkomitees sowie eine Drei-Viertel-Mehrheit aller abgegebenen Stimmen den Schlussentwurf positiv bewerten.

Wird der Schlussentwurf angenommen, erfolgt die Weitergabe in die Veröffentlichungsstufe. Wird der Schlussentwurf abgelehnt, entscheidet das Normkomitee über den weiteren Verlauf des Projektes. Es kann überarbeitet und als modifizierter Schluss‑Entwurf zur Abstimmung gebracht werden, in anderer Form publiziert oder abgebrochen werden. Die Annahmestufe endet mit der Erstellung und der Verbreitung des Abstimmungsergebnisses und der Entscheidung über den weiteren Verlauf des Projektes.

7. Veröffentlichungsstufe:

Bei Vorliegen eines positiven Abstimmungsergebnisses wird der Normentext in der Veröffentlichungsstufe als internationale Norm veröffentlicht.

8. Überprüfung:

Spätestens fünf Jahre nach der Veröffentlichung der internationalen Norm wird eine systematische Überprüfung der internationalen Norm durch das Sekretariat der ISO ausgelöst. Die systematische Überprüfung beinhaltet eine Befragung aller Mitgliedsorganisationen über die weitere Vorgehensweise in Bezug auf die internationale Norm. Mögliche Ergebnisse der Befragung sind ein Wunsch nach Änderung der Norm und der Start eines neuen Normprojektes in der Vorschlagsstufe, die Bestätigung der aktuellen Norm oder die Zurückziehung der internationalen Norm.

Eine Normenänderung oder Normenrevision kann das zuständige Normkomitee jederzeit anstoßen.

Engagement der DGQ

Die Deutsche Gesellschaft für Qualität engagiert sich bereits seit vielen Jahren kontinuierlich in der Normungsarbeit. Diese ist ein wichtiger Teilbereich der Qualitätsinfrastruktur. Die DGQ entsendet Normungsexperten in regionale, nationale und internationale Normungsgremien zu Themenbereichen wie Managementsysteme, Organisationsprozesse, Metrologie, Technische Grundlagen und Dienstleistungen. Die Beteiligung im Normungsprozess erfolgt durch die persönliche Teilnahme an Gremiensitzungen, die Mitwirkung an der Erarbeitung an Normen sowie das Verfassen von Stellungnahmen zu Normungsvorhaben.

Exklusiv für Sie zum Download

Der vorliegende Beitrag hat die acht Stufen des Normungsprozesses bei ISO beschrieben. Den gesamten Prozess haben wir für Sie noch einmal übersichtlich in einem Dokument dargestellt.
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Sie möchten alle relevanten Begriffe aus dem Gebiet der Normung auf einen Blick? In unserer Übersicht haben wir die wichtigsten deutschen und englischen Begriffe für Sie gegenübergestelllt.
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Literatur

Blind, K., & Heß, P. (2018). Deutsches Normungspanel. Indikatorenbericht 2018. Deutscher Förderverein zur Stärkung der Forschung und Standardisierung. Berlin.

Birner, N., Gieschen, J., Kudernatsch, W., Moorfeld, R., & Weiler, P. (2017). Die Rolle der Normung 2030 und Gestaltungsoptionen unter Berücksichtigung der technologiespezifischen Besonderheiten der IKT in der Normung und Standardisierung. (Projekt Nr. 70/15). Institut für Innovation und Technik (iit). Berlin.

DIN (Hrsg.) (2015). 1×1 der Normung. Ein praxisorientierter Leitfaden für KMU. Berlin: Deutsches Institut für Normung.

DIN (Hrsg.) (2019). DIN & seine Partner. DIN e. V.. Verfügbar unter: https://www.din.de/de/din-und-seine-partner/din-e-v [2020-02-05]

DIN (Hrsg.) (2019). Entwicklungsbegleitende Normung (EBN). DIN – Ihr Partner für Forschung und Innovation. Verfügbar unter: https://www.din.de/blob/219688/a441f25c41e36ddef67793241ddcb108/ebn-broschuere-data.pdf [2020-02-05]

Hartlieb, B., Hövel, A., & Müller, N. (2016). Normung und Standardisierung. Grundlagen. (2. Aufl.). Berlin: Beuth.

Vonach, M. (2019). Entwicklungspotentiale der Norm ISO 9001. Wünsche und Erwartungen an die inhaltliche Weiterentwicklung. (Masterarbeit). Donau‑Universität Krems, Krems.

WTO (Hrsg.) (2000) Factual Comparison between the Annex 3 of the WTO/TBT Agreement – Code of good Practice for the Preparation, Adoption and Application of Standards and the ISO/IEC Guide 59 – Code of good Practice for Standardization. G/TBT/W/132. Geneva: World Trade Organization.

WTO (Hrsg.) (2014). The WTO Agreements Series. Technical Barriers to Trade. (Revised in 2014). Geneva: World Trade Organization.

Normen und Richtlinien

DIN EN 45020:2007-03. Normung und damit zusammenhängende Tätigkeiten – Allgemeine Begriffe (ISO/IEC Guide 2:2004); Dreisprachige Fassung EN 45020:2006. Berlin: Deutsches Institut für Normung.

ISO/IEC Directives, Part 1. Consolidated ISO Supplement – Procedures specific to ISO. (9th edition). Geneva: International Organization for Standardization.

Richtlinie für Normenausschüsse. im DIN Deutsches Institut für Normung e.V. Berlin. Berlin: Deutsches Institut für Normung.


Über den Autor:
Martin Vonach hat über zehn Jahre Erfahrung bei der Anwendung und Interpretation von Produktnormen für elektronische Geräte in der internationalen Lichtindustrie sowie bei der Anwendung, Interpretation und Implementierung von Anforderungen an Managementsysteme. In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit dem Entstehungsprozess von Normen und den inhaltlichen Entwicklungspotentialen der Norm ISO 9001:2015. Vonach ist Projektleiter Normung/Internationale Kooperationen bei der DGQ und engagiert sich bei der Erarbeitung und Interpretation von nationalen und internationalen Regelwerken sowie beim Aufbau von internationalen Netzwerken an Experten in den Bereichen Qualität und Qualitätsmanagement.

 

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