„Nachhaltigkeit darf nicht erst im Nachhaltigkeitsbericht entstehen“

Nachhaltigkeit und Qualitätsmanagement – zwei Seiten derselben Medaille? Im Interview spricht Linda Nissel, Leiterin des DGQ-Themenfelds Nachhaltigkeit, über aktuelle Entwicklungen im Bereich Nachhaltigkeit und die Rolle von Managementsystemen. Darüber hinaus gibt sie spannende Einblicke in die aktuelle thematische Schwerpunktsetzung des DGQ-Themenfelds Nachhaltigkeit.
Welche aktuellen Entwicklungen im Bereich Nachhaltigkeit sind aus Deiner Perspektive (als Leitung des DGQ-Themenfeld Nachhaltigkeit) besonders interessant?
Nissel: Derzeit besonders interessant zu beobachten ist, dass Nachhaltigkeit trotz regulatorischer Vereinfachungen nicht an Bedeutung verliert, sondern ihren Eintrittspunkt in Unternehmen verändert. Die politische Diskussion konzentriert sich stark auf Entlastungen durch Omnibus I und auf die Frage, wer künftig noch unmittelbar berichtspflichtig ist. Das ist wichtig, greift aber zu kurz. Während Berichtspflichten teilweise verschoben oder eingegrenzt werden, rücken produkt- und prozessbezogene Nachhaltigkeitsanforderungen stärker in den Vordergrund.
Nachhaltigkeit sollte damit weniger als jährliche Berichtspflicht verstanden werden, sondern zunehmend als Frage von Produktkonformität, Marktzugang und operativer Steuerung. Genau dadurch wirkt Nachhaltigkeit in der Praxis und Unternehmen müssen künftig nachweisen, dass bestimmte Nachhaltigkeitsmerkmale tatsächlich im Produkt angelegt sind und im Prozess beherrscht werden. Die Umsetzung betrifft dann nicht nur die Nachhaltigkeitsabteilung. Betroffen sein werden unter anderem die Entwicklung, der Einkauf, die Produktion, das Qualitätsmanagement und das Datenmanagement.
Für mich ist das die zentrale Entwicklung: Nachhaltigkeit wandert aus der Berichtswelt in die Wertschöpfung.
Welche thematischen Schwerpunkte setzt Du mit dem DGQ-Themenfeld Nachhaltigkeit und warum?
Nissel: Ich möchte mit dem DGQ Themenfeld Nachhaltigkeit Schwerpunkte dort setzen, wo Nachhaltigkeit in Unternehmen wirksam werden muss. Der rote Faden ist die Frage, wie aus einer externen Anforderung eine belastbare Managementpraxis wird. Daher liegt ein Fokus auf der Integration von Nachhaltigkeit in bestehende Managementsysteme. Viele Unternehmen verfügen bereits über etablierte Strukturen für Qualität, Umwelt, Energie oder Arbeitsschutz. Wenn daneben eine separate ESG-Welt entsteht, bleibt nachhaltiges Handeln für Unternehmen schwer steuerbar. Deshalb interessiert mich besonders, wie Nachhaltigkeitsanforderungen in Prozesse eingebunden werden können.
Ergänzend betrachten wir Lieferketten- und Produktqualität aus Nachhaltigkeitsperspektive, weil neue Anforderungen immer stärker in Beschaffung und Produktgestaltung hineinwirken. Auch ESG-Risiken und nachhaltige Produktionsprozesse gehören dazu. Ebenso kann das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung weiterhin ein Einstieg für ein besseres Nachhaltigkeitsmanagement sein, wenn Unternehmen darüber ihre Datenqualität verbessern, Verantwortlichkeiten klären und interne Kontrollmechanismen aufbauen.
Wo sind Deiner Meinung nach die wichtigsten Schnittstellen des Themas Nachhaltigkeit zum Qualitätsmanagement und welche Rolle kann und sollte Qualitätsmanagement dabei spielen, Nachhaltigkeit wirksam umzusetzen?
Nissel: Die wichtigste Schnittstelle zwischen Nachhaltigkeit und Qualitätsmanagement liegt aus meiner Sicht im Anforderungsmanagement. Qualitätsmanagement ist stark darin, Anforderungen zu identifizieren, in Prozesse zu übersetzen und ihre Erfüllung nachweisbar zu machen. Genau diese Fähigkeit wird für Nachhaltigkeit immer wichtiger. Ein Produkt ist künftig nicht mehr nur dann hochwertig, wenn es funktioniert, sicher ist und Kundenerwartungen erfüllt. Es muss zunehmend auch Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen, die aus Regulierung, Kundenanforderungen oder Marktstandards entstehen.
Das verändert die Rolle des Qualitätsmanagements deutlich. Wenn Reparierbarkeit zu einem relevanten Produktmerkmal wird, muss sie bereits in Entwicklung und Freigabe berücksichtigt werden. Wenn Herkunftsnachweise erforderlich sind, wird Lieferantenqualität auch zu einer Frage der Rückverfolgbarkeit. Wenn ein Kunde belastbare Informationen zum Product Carbon Footprint verlangt, reicht eine Schätzung aus der Nachhaltigkeitsabteilung nicht aus. Dann braucht es definierte Datenquellen und geprüfte Prozessketten.
Für Unternehmen ist das ein entscheidender Perspektivwechsel. Nachhaltigkeit darf nicht erst im Nachhaltigkeitsbericht entstehen und Qualitätsmanagement kann eine Übersetzungsfunktion übernehmen. Das Wissen über Prozesse liegt im besten Fall bereits durch das Qualitätsmanagement dokumentiert vor.
Du hast das Thema Managementsysteme oben schon mal kurz angesprochen. Welche Bedeutung kommt ihnen konkret in diesem Zusammenhang zu?
Nissel: Managementsysteme spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle, weil sie Nachhaltigkeit von einer Absicht in eine steuerbare Organisationsleistung übersetzen. Nachhaltigkeit braucht nicht nur Ambition, sondern Ziele, Nachweise und regelmäßige Wirksamkeitsprüfungen. Genau dafür sind Managementsysteme gemacht. Sie helfen Unternehmen, Anforderungen systematisch aufzunehmen, Risiken zu bewerten, Maßnahmen umzusetzen und Ergebnisse zu überprüfen.
Der eigentliche Hebel liegt in der Integration. Unternehmen sollten Nachhaltigkeit nicht als weiteres System aufbauen. Das kann zu Doppelarbeit und widersprüchlichen Steuerungslogiken führen. Integrierte Managementsysteme ermöglichen dagegen, Nachhaltigkeit in bestehende Routinen einzubinden.
Auch die Entwicklung der ISO-Managementsystemnormen zeigt diese Richtung. Das Klima Amendment macht deutlich, dass Organisationen prüfen müssen, ob Klimawandel für ihr Managementsystem relevant ist. Interessierte Parteien können ebenfalls klimabezogene Anforderungen haben, die in das Managementsystem einfließen müssen. Das ist ein klares Signal, dass Managementsysteme künftig stärker als Infrastruktur für Nachhaltigkeit verstanden werden.
Was sind im Bereich Nachhaltigkeit/Nachhaltigkeitsmanagement aktuell die größten Herausforderungen für Unternehmen?
Nissel: Die größten Herausforderungen für Unternehmen liegen derzeit weniger in einer einzelnen regulatorischen Vorgabe als in der neuen Unübersichtlichkeit des Nachhaltigkeitsumfelds. Viele Unternehmen bewegen sich in einem Spannungsfeld, das strategisch anspruchsvoll ist, und müssen verstehen, an welchen Stellen Nachhaltigkeit ihre Wertschöpfung tatsächlich berührt.
Eine weitere zentrale Herausforderung ist die Qualität von Daten. Nachhaltigkeitsdaten entstehen selten dort, wo sie später berichtet oder kommuniziert werden, sondern in operativen Abläufen. Viele Unternehmen verfügen zwar über Daten, aber nicht zwingend über belastbare Datenprozesse. Häufig ist unklar, wer für die Richtigkeit verantwortlich ist, wie Daten validiert werden und welche Kontrollen vor einer externen Nutzung greifen.
Nachhaltigkeit braucht Ambition, aber sie braucht ebenso Klarheit über Ressourcen und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Professionelles Nachhaltigkeitsmanagement bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Aktivitäten zu starten. Es bedeutet, die wesentlichen Themen zu erkennen und Maßnahmen so in die Organisation einzubetten, dass sie dauerhaft wirksam werden.
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Was kann die DGQ tun, um Unternehmen hier zu unterstützen bzw. welche Rolle möchte die DGQ mit dem Themenfeld Nachhaltigkeit künftig einnehmen?
Nissel: Die DGQ kann Unternehmen vor allem dabei unterstützen, Nachhaltigkeit methodisch beherrschbar zu machen. Es gibt viele Informationen zu Regulierung. Was Unternehmen häufig fehlt, ist die Übersetzung in die eigene Organisation. Wie wird aus einer gesetzlichen Vorgabe ein Prozess? Genau an dieser Stelle liegt eine besondere Stärke der DGQ.
Ich sehe die DGQ künftig als orientierungsgebende und weiterentwickelnde Plattform. Orientierung bedeutet, komplexe Entwicklungen fachlich sauber einzuordnen und in die Praxis zu übersetzen. Weiterentwicklung steht dafür, das Qualitätsverständnis um Nachhaltigkeitswirkungen zu erweitern.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des Themenfelds Nachhaltigkeit mit dem DGQ-Fachkreis Nachhaltigkeit?
Nissel: Die Zusammenarbeit mit dem DGQ Fachkreis Nachhaltigkeit ist für das Themenfeld sehr wichtig. Der Fachkreis bringt praktische Erfahrung, fachliche Tiefe und unterschiedliche Perspektiven zusammen. Gerade Nachhaltigkeit braucht diesen interdisziplinären Blick, weil die Anforderungen nicht in einer einzelnen Funktion gelöst werden können.
Ich verstehe den Fachkreis als Resonanzraum und zugleich als Impulsgeber. Der Fachkreis kann aktuelle Nachhaltigkeitsthemen und Herausforderungen mit Praxiserfahrung anreichern und kritisch spiegeln. Das DGQ-Impulspapier „Umgang mit Grenzen der Nachhaltigkeit“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus der Fachkreisarbeit ein Beitrag entstehen kann, der Unternehmen nicht nur informiert, sondern ihnen Reflexion und Orientierung ermöglicht.
Welche aktuellen Themen stehen derzeit auf der gemeinsamen Agenda?
Nissel: In den nächsten Monaten widmen wir uns insbesondere Themen, bei denen Nachhaltigkeit konkret in Managementsysteme und Kompetenzen übersetzt werden muss.
Aktuell ist unter anderem die Beschäftigung mit den Kompetenzen, die Nachhaltigkeitsmanagerinnen und Nachhaltigkeitsmanager künftig benötigen. Besonders wichtig ist auch die Schnittstelle zum Qualitätsmanagement und integrierten Managementsystemen. Viele Verantwortliche benötigen konkrete Orientierung, wie Nachhaltigkeitsanforderungen aus der ISO 9001 Revision sinnvoll in bestehende QM oder IMS-Strukturen eingebunden werden können.
Gleichermaßen wichtig ist die Auseinandersetzung mit dem VSME-Standard (zukünftig VS). Viele kleine und mittelständische Unternehmen im DGQ-Netzwerk sind nicht unmittelbar berichtspflichtig, müssen aber dennoch Nachhaltigkeitsinformationen für Kunden, Banken oder Geschäftspartner:innen bereitstellen. Der VSME kann hier Orientierung bieten, wenn er nicht als reine Berichtsvorlage verstanden wird, sondern als Einstieg in ein strukturiertes Nachhaltigkeitsmanagement. Für den Fachkreis ist deshalb besonders interessant, wie ein pragmatischer Zugang aussehen kann, der KMU nicht überfordert und gleichzeitig zu besserer Transparenz, Datenqualität und Steuerungsfähigkeit beiträgt.
Darüber hinaus liegt ein weiterer Schwerpunkt auf Klimatransitionsplänen und dem Beitrag von Energiemanagementsystemen. Ebenso beschäftigen wir uns mit der praktischen Umsetzung der EU-Entwaldungsverordnung.
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Welche Bedeutung haben Normen und Standards für das Thema Nachhaltigkeit und welche entsprechenden Entwicklungen sind für Unternehmen jetzt relevant?
Nissel: Normen und Standards können für Nachhaltigkeit vor allem dann entscheidend sein, wenn sie allgemeine politische Ziele in umsetzbare Anforderungen übersetzen. Einige Standards schaffen Berichtsfähigkeit, andere schaffen Messbarkeit und Vergleichbarkeit oder ermöglichen eine externe Prüfung.
Im Klimabereich sind prominente Beispiele das GHG Protocol und die Science Based Targets initiative (SBTi) als wichtige Standardgeber für die Treibhausgasbilanzierung und Klimazielsetzung. Gleichzeitig sind ISO 14064 für organisationsbezogene Treibhausgasbilanzen und ISO 14067 für Product Carbon Footprints relevant. Auch produktbezogene Standards werden zukünftig deutlich wichtiger. So bilden ISO 14040 und ISO 14044 zum Beispiel methodische Grundlagen für Lebenszyklusanalysen und Ökobilanzen.
Ein weiteres gutes Beispiel ist die Ökodesignverordnung (ESPR). Die ESPR setzt den rechtlichen Rahmen für nachhaltigere Produkte, aber die konkrete Ausgestaltung wird über delegierte Rechtsakte und Normen erfolgen. Damit entsteht ein Raum, in dem Praxiswissen aus Industrie, Qualität und Wissenschaft entscheidend ist. Normung funktioniert nicht top-down, sondern lebt vom Konsens und der aktiven Mitwirkung der Praxis, um Anforderungen umsetzbar zu gestalten.
Relevant ist außerdem die entstehende ISO 53001 zu Managementsystemen für die Sustainable Development Goals. Dieser Standard kann künftig einen Rahmen bieten, um Nachhaltigkeit systematischer in Managementlogiken zu überführen.
Welche sich bereits ankündigenden Nachhaltigkeitsthemen sollten Qualitätsverantwortliche und Nachhaltigkeitsmanager:innen künftig ebenfalls auf dem Schirm haben?
Nissel: Künftig sollten Qualitätsverantwortliche und Nachhaltigkeitsmanager vor allem die Themen im Blick behalten, bei denen Nachhaltigkeit zur Frage von Zukunftsfähigkeit, Resilienz und Produktverantwortung wird. Dazu gehört insbesondere Klimaanpassung. Unternehmen werden sich nicht nur mit Emissionsreduktion beschäftigen müssen, sondern auch mit physischen Klimarisiken wie Hitze, Wasserknappheit, Extremwetter oder instabilen Lieferketten. Diese Risiken können Lieferfähigkeit und Arbeitssicherheit unmittelbar beeinflussen.
Ein weiteres Zukunftsthema ist die Transformation von Produkten und Geschäftsmodellen. Kreislaufwirtschaft bedeutet nicht nur bessere Materialien oder recyclingfähige Verpackungen. Entscheidend wird, Produkte so zu gestalten, dass Langlebigkeit, Reparierbarkeit oder Wiederverwendbarkeit wirtschaftlich funktionieren. Damit erweitert sich auch das Qualitätsverständnis.
Über die Interviewpartnerin:
Linda Nissel leitet das Fachgebiet Nachhaltigkeit bei der DGQ. Ihr zentrales Anliegen ist es, Nachhaltigkeit und Qualität systematisch zu verknüpfen und beide Themen wirksam in der unternehmerischen Praxis zu verankern. Zuvor war sie in der Nachhaltigkeitsberatung tätig und unterstützte Unternehmen branchenübergreifend bei ESG- und Klimastrategien sowie bei der Umsetzung der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR).
