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Leistungsbewertung: Rückspiegel mit blinden Flecken
360-Grad-Feedbacks von Chefs, Mitarbeitern und Kollegen sollen Managern die nötige Erdung geben. Heikel wird es allerdings dann, wenn die Beurteilung über die Karriere entscheidet. Während viele Manager unterschwellig Angst davor haben, sich der allgemeinen „Benotung" zu stellen, bezeichnen Kritiker die Maßnahme als „Kuhhandel".
Als Rückspiegel mit blinden Flecken bezeichnet Katrin Terpitz die Leistungsmessung von Chefs in der Handelsblatt-Online-Ausgabe vom 2. Februar 2008. Von wem kriegt eine Führungskraft schon ehrliches Feedback, fragt sie und liefert die Antwort gleich mit: „Meist nur zu Hause von der nörgelnden besseren Hälfte oder den respektlosen Kindern.“ Hingegen wollten Vorzimmer und Mitarbeiter dem Chef gefallen und ballten die Faust lieber in der Tasche. Denn sechs von zehn Führungskräften fänden es schwer, ehrliche Meinungen über ihre Leistung zu bekommen. Dabei bezieht sich die Autorin auf eine Umfrage der Personalberatung DDI unter 200 Managern mit dem Fazit: Je höher sie kommen, umso mehr verlieren Manager die Erdung und den Realitätsbezug. Dazu zitiert sie eine DDI Deutschland-Beraterin: „Manager sind heute angewiesen auf Rückmeldung, denn ihre Führungsrolle wird immer komplexer, der Druck steigt, sich ständig zu verbessern." Dafür reiche jedoch eine eindimensionale Bewertung durch Vorgesetzte von oben nach unten nicht aus.
Das hatte - so die Autorin - Reinhard Mohn bei Bertelsmann früh erkannt. Schon 1975 bat er seine Vorstände, ihn als Chef zu beurteilen. Im Medienkonzern habe die Feedbackkultur heute einen festen Platz. Beispielsweise bewerteten die Mitarbeiter einmal im Jahr per Fragebogen anonym ihren Vorgesetzten. Im anschließenden Gespräch diskutierten Mitarbeiter und Vorgesetzte offen über das gesammelte Feedback. Moderiert werde es von einer Vertrauensperson, die die Gruppe zuvor bestimmt. Im Gespräch würden dann gemeinsam Maßnahmen vereinbart, um die Zusammenarbeit in der Gruppe und das Führungsverhalten zu verbessern. Weiter gehe die Idee des 360-Grad-Feedbacks, eine Rundum-Beurteilung durch Mitarbeiter, Kollegen, Chefs oder auch Kunden. Sie verbreitete sich in den 80er-Jahren in den USA. In Europa nutzen etwa 80 Prozent der Großunternehmen 360-Grad-Beurteilungen, schätzt die DDI-Personalexpertin. Im Vergleich zum Assessment-Center seien sie schnell, leicht einsetzbar und oft kostengünstiger.
Viele Manager hätten jedoch unterschwellig Angst, sich der allgemeinen „Benotung" zu stellen. Der Zeugnischarakter erschwere die Akzeptanz, beobachteten die Personalberater. Weitere Tücken: Alles beruhe auf subjektiven Wahrheiten, wobei Zahlen und Grafiken aber Objektivität suggerierten. Verzerrte Wertungen durch Schönfärberei sehen auch Experten als Problem. Daher seien sie „letztlich wenig aussagekräftig“. Auch ein Professor für Personaldiagnostik aus Bochum beobachtet eine Noteninflation: „Alle streicheln sich gegenseitig. Wir Deutsche tun uns eben schwer mit negativer Kritik.", wir er zitiert.
So bleibe das Problem des „Kuhhandels“ bestehen, denn spätestens ab dem zweiten Mal werde unvermeidlich manipuliert. Am Ende klinge das Feedback-Pingpong der Kollegen völlig gleich - nämlich positiv. Unbrauchbare Ergebnisse entstehen nach Meinung der Experten vor allem dann, wenn 360-Grad-Feedbacks über Beförderung oder Gehälter (mit)entscheiden. Ein weiteres Problem: Die meisten Auswertungen seien zu komplex. Viele Firmen schickten ihren Managern zahlengespickte Beurteilungen - und lassen sie damit allein. Statt dessen sollte das Nachgespräch mit dem Vorgesetzten Pflicht sein. Schwachpunkte könnten Führungskräfte dann mit einem Coach „glatt bügeln“.
Inzwischen kämen erste Firmen davon ab, eine Unzahl von Kompetenzen wie Team- oder Innovationsfähigkeit abzubilden: „Sie legen den Fokus auf zwei bis drei Stärken und Schwächen - so ist die Botschaft viel klarer." In den meisten Firmen bleiben Mitarbeitern die Noten ihres Chefs jedoch verborgen. Vielleicht ändert sich das bald: Professoren sind im Internet schon unter Meinprof.de anonym zu bewerten. Meinchef.de sei bereits reserviert.