Ostdeutsche Standorte besser als Osteuropa
Die Städte Ostdeutschlands müssen sich als Standorte für höherwertige Produktion, Forschung und Entwicklung oder unternehmensnahe Dienstleistungen nicht hinter Konkurrenz aus Mittel- und Osteuropa verstecken.
Über eine Studie der Unternehmensberatung KPMG im Auftrag von zehn ostdeutschen Großstädten berichtete die WELT-online in ihrer Ausgabe vom 2. November. Darin bieten diese Städte für Direktinvestitionen sogar einen deutlichen Standortvorteil. Steuern und Lohnkosten wurden jedoch nicht in die Bewertung einbezogen. Lohnkosten seien für die genannten höherwertigen Aktivitäten für die Standortauswahl nicht entscheidend, sagte Andreas Dressler, Director Global Location & Expansion Services bei KPMG.
Beteiligt an der Studie haben sich Berlin, Leipzig, Erfurt, Jena, Gera, Rostock, Greifswald, Halle, Potsdam und Dresden. Als Vergleich wählten die Berater Hauptstädte und kleinere Städte aus, die in der Praxis als Konkurrenten aufgefallen seien: Pilsen und Brünn (Tschechien), Bratislava und Kosice (Slowakei), das ungarische Székesfehérvár, die baltischen Hauptstädte Tallin (Estland) und Riga (Lettland) sowie aus Polen Warschau, Breslau und Krakau.
Die Bewertung erfolgte nach 15 Kriterien, die laut KPMG für reale Standortentscheidungen wichtig sind: von der Zahl der angemeldeten Patente über die Forschungs- und Entwicklungsausgaben, qualifizierte Arbeitskräfte, Autobahndichte, Stromversorgungssicherheit, Transportkosten bis zur Lebensqualität, die in Sicherheit vor Straftaten, Kulturausgaben sowie Umweltqualität gemessen wurde.
Im Ergebnis stehen die ostdeutschen Städte in allen untersuchten Punkten weit vor dem osteuropäischen Durchschnitt, wobei aber einzelne Standorte wie das forschungsstarke Bratislava oder das mit vielen ausgebildeten Technikern glänzende Breslau oder Tallin durchaus einzelne ostdeutsche Standorte übertreffen. „Die mittel-osteuropäischen Städte sind starke Konkurrenten, die lange nicht mehr nur auf den Lohnkostenvorteil setzen", sagte Dressler.
Besonderen Rückstand weisen die Osteuropäer bei der Infrastruktur auf. Folge sind für den Osten Deutschlands deutlich billigere Transportkosten. Ein weiteres Plus: der Strom fällt anders als im östlichen Ausland so gut wie nie aus. Das Angebot an Gewerbeflächen auf dem Territorium der Ex-DDR ist durchweg besser als in den neuen EU-Staaten.
Um nicht das Augenmerk auf den Wettbewerb der ostdeutschen Städte untereinander zu lenken, haben die Städte einen Verzicht auf eine Rangliste der ostdeutschen Städte durchgesetzt. Die Botschaft soll sein: Ostdeutschland ist als Investitionsstandort viel besser als Mittel-Osteuropa.
„Ich leide seit Jahren an der Wahrnehmung über Ostdeutschland", sagte Jenoptik-Chef Alexander von Witzleben. Dabei seien die ostdeutschen Standorte seines Konzerns wettbewerbsfähiger als die Werke im Westen. Das liege an der größeren Flexibilität der ostdeutschen Arbeitnehmer und an den um 40 bis 50 Prozent niedrigeren Lohnkosten. Diese spielten anders als in der Studie angenommen „natürlich eine Rolle".