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November 2006


Bertelsmann-Ranking
Der Patient Deutschland macht wieder Hoffnung

Der Standort holt im internationalen Vergleich langsam auf. Dank der Arbeitsmarktreformen macht die Bundesrepublik wieder Boden wett. Dennoch ist das Wachstum im internationalen Vergleich weiter schwach.

Deutschland holt im internationalen Standortvergleich langsam auf: Wie aus dem Standortranking der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht, hat die Bundesrepublik dank der Reformen der vergangenen Jahre einige Plätze gutgemacht. Im sogenannten Aktivitätsindex, der unter anderem die Langzeitarbeitslosigkeit und die Staatsverschuldung der 21 wichtigsten Industriestaaten vergleicht, verbesserte sich Deutschland auf den 15. Platz. 2004 war die Bundesrepublik noch Vorletzter.
Zur Begründung für den Aufwärtstrend verweisen die Gütersloher Experten vor allem auf die gestiegene Erwerbsbeteiligung infolge der jüngsten Arbeitsmarktreformen. So stieg der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, auf 78 Prozent. Vor zehn Jahren lag die Partizipationsrate bei 72,9 Prozent. Auch die Lohnzurückhaltung der Tarifparteien habe sich positiv ausgewirkt.
Beim Erfolgsindex, der die aktuelle Lage bei Wachstum und Beschäftigung misst, liegt Deutschland allerdings trotz des Konjunkturaufschwungs in diesem Jahr weiterhin auf dem letzten Platz. Nach Ansicht der Experten zeichnet sich jedoch auch hier ein leichter Aufwärtstrend ab. So deuteten die Prognosen der OECD daraufhin, dass das Land sich 2007 auf Rang 19 verbessern und damit erstmals seit 2001 die Position als Schlusslicht abgeben könnte.
Triebkräfte dieser Entwicklung dürften der gestiegene Erwerbstätigenzuwachs sowie der erwartete Rückgang der Arbeitslosigkeit werden. "Trotz dieser positiven Tendenzen sind weitere Reformanstrengungen erforderlich", sagte Johannes Meier, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Sowohl bei der Arbeitslosenquote wie auch beim Wachstumspotenzial hinke Deutschland hinterher. Bei der Arbeitslosigkeit belegt Deutschland mit einer Rate von 8,9 Prozent den drittletzten Platz vor Frankreich und Griechenland.

Kritisch werten die Experten fehlende Beschäftigungsaussichten für Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte. Sowohl beim Erwerbstätigenzuwachs wie auch bei der Langzeitarbeitslosigkeit ist Deutschland der Studie zufolge am schlechtesten. Nachholbedarf besteht beim Wirtschaftswachstum: Demnach wuchs das Produktionspotenzial in den 21 Staaten in zehn Jahren um mehr als 2,5 Prozent im Schnitt. Deutschland erreichte nur 1,5 Prozent. Spitzenwerte gibt es beim Vergleich der Streikquoten und der Jugendarbeitslosigkeit.

Gleichzeitig legte das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Gradmesser für den Wohlstand, im OECD-Schnitt seit 1991 um 82 Prozent zu - in Deutschland nur um 54 Prozent. Mittlerweile werden hier 30140 Dollar pro Kopf erwirtschaftet, neun Prozent weniger als in den anderen Industrieländern.
"Wenn die nun schon seit über 20 Jahren anhaltende Reformdiskussion in Deutschland wie so oft überwiegend in Formelkompromissen und bürokratischen Auswüchsen münden wird, wird der ökonomische Rückstand gegenüber anderen Ländern kaum aufzuholen sein", heißt es. Mit Konsequenz aber gebe es gute Aussichten, wieder zur Spitzengruppe aufzuschließen.

Neben der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichen auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) und die Weltbank regelmäßig Standortvergleiche. Da die Studien unterschiedlich konzipiert sind, kommt es häufig zu unterschiedlichen Aussagen. Während die Bundesrepublik im Weltbank-Vergleich derzeit auf Rang 21 von 175 untersuchten Staaten liegt, rangiert sie beim WEF-Vergleich unter 125 Ländern auf dem achten Platz.