Dramatischer Anstieg von Wirtschaftsdelikten
Meistens sind Mitarbeiter die Täter. Die häufigsten Delikte sind Diebstahl und Unterschlagung, Untreue und Betrug. Schäden gehen in die Millionen
Die Wirtschaftskriminalität hat in Deutschland nach Expertenschätzung weiter zugenommen. Zu diesem Schluss kommt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG nach der Befragung von Führungskräften in 420 Unternehmen und der Auswertung der Kriminalstatistik. In ihrer Ausgabe vom 4. Juli 2006 berichtet die Tageszeitung DIE WELT, dass jedes zweite Großunternehmen in den vergangenen drei Jahren Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen geworden sei. Die Zahl der zufällig entdeckten Delikte sei dabei von 44 Prozent im Jahr 2003 auf 60 Prozent gestiegen. „Das ist eine dramatische Tendenz“, sagte Dieter John, Leiter von KPMG-Forensic, bei der Vorstellung der Studie in Düsseldorf.
Die Zahl der Strafanzeigen von Wirtschaftsdelikten stieg nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 9,9 Prozent auf fast 90.000. Diese Statistik könne aber durch einzelne Großverfahren mit Tausenden Geschädigten verzerrt werden. Obwohl der Anteil der Wirtschaftsdelikte an der Gesamtzahl der Straftaten nur 1,4 Prozent ausmacht, gehe fast die Hälfte des volkswirtschaftlichen Schadens auf das Konto der Wirtschaftskriminalität: Im vergangenen Jahr waren es laut BKA 4,2 Milliarden Euro.
Die Dunkelziffer wird von den Wirtschaftsprüfern auf rund 80 Prozent geschätzt: Auf jeden entdeckten kämen fünf unentdeckte Fälle. Die häufigsten Delikte sind der KPMG-Studie zufolge Diebstahl und Unterschlagung (82 Prozent), Untreue (51 Prozent) und Betrug (40 Prozent). Weniger häufig, aber mit weitaus höheren Schäden verbunden seien Korruption, die Fälschung von Finanzinformationen oder Kartellrechtsverstöße. Mit der Höhe des Umsatzes steige auch die Gefahr eines Unternehmens, von Wirtschaftskriminalität betroffen zu sein.
Meist seien eigene Mitarbeiter die Täter, in 18 Prozent der Fälle hätten sich mehrere von ihnen zusammengetan, um das Unternehmen zu schädigen. In 23 Prozent der Fälle seien auch externe Geschäftspartner des Unternehmens beteiligt gewesen.
Einzelne der befragten Unternehmen bezifferten den eigenen Schaden durch Wirtschaftskriminalität in den vergangenen drei Jahren auf bis zu einer Milliarde Euro. 62 Prozent befürchten, dass das Ausmaß der Kriminalität sich in Zukunft verschärfen werde.
Nur gut jedes dritte Großunternehmen suche gezielt nach Frühindikatoren. Dazu zählten etwa Kontrollen bei der Einstellung von Mitarbeitern. John sprach sich dafür aus, kriminelle Handlungen in Unternehmen grundsätzlich auch strafrechtlich zu verfolgen. In 82 Prozent der in den Unternehmen aufgedeckten Fälle wurden laut Studie arbeitsrechtliche Schritte gegen die Täter eingeleitet. Allerdings waren nur in gut der Hälfte der Fälle auch straf- und zivilrechtliche Sanktionen angestrebt worden.