Volles Vertrauen überall
Deutsche Chefs vertrauen ihrer Belegschaft - und die Mitarbeiter vertrauen dem Boss. Aufgebaut wird dieses gute Verhältnis vor allem im persönlichen Gespräch und mit konkreten Zielvereinbarungen.
Reisekostenabrechnung, Büromaterial, Zeitkonten - es gäbe für Angestellte sicher viele Möglichkeiten, Vertrauen zu missbrauchen. Auch der Chef könnte mit nicht eingehaltenen Zusagen, unklarer Aufgabenverteilung oder undurchsichtigen Beförderungsregeln für schlechte Stimmung sorgen.
Doch eine Studie der Akademie für Führungskräfte unter 350 deutschen Managern zeigt, über 90 Prozent der Chefs haben keinen Zweifel an der Integrität ihrer Mitarbeiter. Sie sprechen ihren Teams das Vertrauen aus. Nur gut neun Prozent räumen ein, „eher weniger" zu vertrauen. Umgekehrt sprechen etwa 82 Prozent aller Befragten, die einer Führungskraft unterstellt sind, ihrem Chef das Vertrauen aus. Jeder Fünfte vertraut seinem Vorgesetzten sogar „in jeder Hinsicht".
Ressource und Qualität
Vertrauen ist - laut Akademie-Studie - eine Ressource, die Führungskräfte ebenso wie die Belegschaft einsetzen können. Gleichzeitig beschreibt es die Qualität einer Beziehung. Die Studie untersucht, wie der Prozess der Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Mitarbeitern läuft und wie man ihn verbessern kann. Und, so eine allgemeine Feststellung, Vertrauen wird immer dann gefordert, definiert und für bedeutungsvoll erklärt, wenn es fehlt.
Doch auch Kollegen untereinander haben ein gutes Verhältnis. Fast zwei Drittel der Befragten haben klare Umgangsregeln definiert. Und 68 Prozent sagen: Bei uns vertraut jeder jedem. Etwa ebenso viele gaben an, dass sie in Teamsitzungen regelmäßig Team-Probleme ansprechen. Entsprechend läuft es in jeder dritten Belegschaft nicht so gut.
Konsequenz: Jobwechsel
Schlechte Erfahrungen in Sachen Vertrauen sind insgesamt weit verbreitet. Jede fünfte Führungskraft, die an der Studie teilnahm, sagte, dass ihr Vertrauen schon oft missbraucht worden sei. Jedem Dritten wurde bereits zu Unrecht misstraut. 30 der 350 befragten Manager gaben an, sogar schon einmal wegen eines schlechten Vertrauensverhältnisses den Arbeitsplatz gewechselt zu haben. Sie empfanden das mangelnde Vertrauen als großes Hindernis bei der täglichen Arbeit.
Immerhin gut 60 Prozent der Führungskräfte sagen: „In Teams und Abteilungen, in denen kein gegenseitiges Vertrauen ist, kann ich nicht arbeiten." Gleichzeitig bedauert jeder Vierte, dass es lange dauere, bis er Kollegen oder Chefs voll vertraue.
Selbstkritische Manager
Wenn es nicht rund läuft, suchen vor allem Führungskräfte die Schuld bei sich selbst. 93 Prozent der Studien-Teilnehmer sind der Meinung, dass eigene Unsicherheit zum fehlenden Vertrauensverhältnis beiträgt. Die Mitarbeiter wiederum glauben, dass die Angst vor Machtverlust und Abhängigkeit einen Vertrauensaufbau zwischen Chef und Team behindern. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, Führungskräfte hätten nicht gelernt zu vertrauen.
Reden, reden, reden
Doch wie baut man Vertrauen auf? Mit Ehrlichkeit, mit eingehaltenen Versprechen und direkter Kommunikation. Das sind die in der Akademie-Studie am häufigsten genannten Maßnahmen. Doch auch Verschwiegenheit und die Fähigkeiten, eigene Fehler einzugestehen und zuzuhören, stehen auf der Liste ganz oben.
Als besonders Vertrauen zerstörend kristallisierte sich die Weitergabe vertraulicher Informationen heraus. Auch abwertende Äußerungen oder das Anzweifeln der Kompetenz einzelner Mitarbeiter sowie unklare Kommunikation sind wenig geeignet, eine Vertrauensbasis aufzubauen beziehungsweise zu erhalten.
Kontrolle ist besser
Etwa drei Viertel der Manager sehen die Notwendigkeit, nicht nur zu vertrauen, sondern auch zu kontrollieren. Selbstkritisch räumen sie zwar ein, dass in Krisenzeiten meist deutlich mehr als nötig kontrolliert wird, was Innovationen deutlich hemme. Dennoch ist Kontrolle für viele eine der Hauptaufgaben für eine Führungskraft - viele sehen in Kontrolle allein auch noch keinen Schritt, der Vertrauensverluste vorprogrammiert.
Eine Vertrauenskultur lässt sich der Akademie-Studie zufolge vor allem über Mitarbeitergespräche aufbauen. Fast 98 Prozent der Befragten halten solche persönlichen Austausche für „wichtig" bis „sehr wichtig". Auch wer konkrete Ziele mit seinen Mitarbeitern vereinbart, hat gute Karten im Spiel um Vertrauen. Gut ist ebenfalls, das Selbstverständnis eines Unternehmens sowie Regeln zu definieren.
Wenig hilfreich: Betriebsausflüge und Intranet
Die Bedeutung von firmeninterner Kommunikation über Intranet oder schriftliche Mitarbeiterinformation sehen viele Manager dagegen nicht. Auch Betriebsausflüge, Incentives oder andere Events zum geselligen Austausch sind nicht sehr hoch angesehen. Weiterbildung - als Seminar oder Training - wird dagegen als wichtig für den Vertrauensaufbau eingestuft.
Für viele Teilnehmer der Akademie-Studie ist und bleibt ein wichtiger Grundsatz: Vertrauen muss man sich verdienen. Und: Man muss es lernen. Dabei sollte Privates privat bleiben und Dienst Dienst.
An der Untersuchung beteiligten sich 350 Manager in Deutschland, davon 33 Prozent Frauen. Knapp 50 Prozent waren zwischen 30 und 40 Jahre alt, gut 42 Prozent über 40 Jahre. Mehrheitlich arbeiteten die Führungskräfte in Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern. Erstellt wurde die Studie von der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft (Überlingen/Bad Harzburg).