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Juli 2006


Die Last der Unzufriedenen
Zu wenig Geld, zu viel Stress

Die Deutschen sind unzufrieden mit ihren Jobs. Dabei wünschen sie sich nichts mehr als Spaß an der Arbeit, leistungsgerechte Entlohnung und Sicherheit.

Wer einen Job sucht, mag es für ein Luxusproblem halten: sich mit der Frage zu beschäftigen, was eigentlich gute Arbeit sei. Die "Initiative Neue Qualität der Arbeit" tut es trotzdem. INQA, im Jahr 2002 von den Sozialpartnern, den Sozialversicherungsträgern, Bund, Ländern und Unternehmen ins Leben gerufen, hat eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben, die beantworten soll, wann abhängig Beschäftigte einen Job als wirklich gut empfinden – und ob die Arbeitswelt diese Ansprüche erfüllt. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor.

Die Wünsche
Was macht den Lehrer, die Kassiererin und den Manager gleichermaßen glücklich? Ein festes und verlässliches Einkommen, sagen 92 Prozent der Befragten. Gleich danach, mit 88 Prozent, folgt die Sicherheit des Jobs. Der angespannte Arbeitsmarkt bringt Beschäftigte offenbar dazu, die schlichte Tatsache, dass sie einen feste Stelle haben, als qualitatives Merkmal einzustufen.

Die Existenzsicherung steht zwar ganz oben auf der Liste gefühlter Qualität. Interessant ist aber, dass auf Platz drei gleich der Spaß an der Arbeit folgt. 85 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen die Freude am Job sehr wichtig ist. Dazu gehört, dass die Arbeit abwechslungsreich, vielseitig und sinnvoll sein soll. Und: Man will stolz auf das Geleistete sein können.

Von den Vorgesetzten als Mensch – und nicht nur als Arbeitskraft – wahrgenommen und geachtet zu werden, ist für 84 Prozent der Beschäftigten ein Indiz für "gute Arbeit". Überhaupt messen die Mitarbeiter der Führungsqualität ihrer unmittelbaren Vorgesetzten einen überraschend hohen Stellenwert bei: Chefs, die für eine gute Arbeitsplanung sorgen, die bei der fachlichen Entwicklung unterstützen und auch im Alltag helfend eingreifen, empfinden zwei Drittel der Befragten als gewinnbringend. Wenn dabei nicht mit Anerkennung, Lob und konstruktiver Kritik gespart wird – um so besser.
Auch die kollegiale Zusammenarbeit gilt viel. Dem Konkurrenzdruck und dem Leistungswettbewerb unter Kollegen erteilen dagegen etwa 60 Prozent der Arbeitnehmer eine Absage.

Männer und Frauen, Ost und West, Berufstätige aus unterschiedlichen Branchen und Altersgruppen: Es sind dieselben Kernpunkte, die quer durch alle Gruppen genannt werden, wenn es darum geht, "gute Arbeit" zu definieren. Wie aber sieht die Realität aus?

Die wahre Welt
Von den vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern in Deutschland beziehen 16 Prozent ein Einkommen von unter 1600 Euro brutto im Monat. 19 Prozent erhalten zwischen 1500 und 2000 Euro. Ein mittleres Einkommen zwischen 2000 und 3500 Euro können 45 Prozent der Beschäftigten verbuchen, 17 Prozent verdienen 3500 Euro und mehr.

Das heißt: Ein gutes Drittel der Erwerbseinkommen liegt im prekären Bereich. Kein Wunder, dass es laut Untersuchung keinen Bereich gibt, mit dem Arbeitnehmer derart unzufrieden sind wie mit dem Verhältnis von Einkommen und Leistung. Und nirgends wird mehr Handlungsbedarf angemahnt. Zugleich geht die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes um. Fast 60 Prozent aller Beschäftigten fühlen sich ständig existenziell bedroht, was sie als Belastung und Stress empfinden.

Relativ zufrieden zeigen sich die Beschäftigten mit der sozialen Anbindung im Betrieb. Sie erleben fachlichen Austausch und positive Rückmeldungen von Kollegen und Vorgesetzten. Schwieriger sieht es mit den Entwicklungsmöglichkeiten aus: Viele beklagen mangelnden Raum für die kreative Gestaltung von Arbeitsprozessen.

Etwa 70 Prozent sind im letzten Jahr entweder gar nicht in den Genuss einer Weiterbildung gekommen oder haben an einer Schulung teilgenommen, die weder für ihre Karriere noch für die allgemeine Qualifizierung hilfreich war – betrüblich in einer Arbeitswelt, die von Mitarbeitern verlangt, fachlich stets auf dem neuesten Stand zu sein.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 3.6.2006)