Studie: Deutschland ist Europas bester Standort
Internationale Unternehmen schätzen Bundesrepublik - Kritik an unflexiblem Arbeitsmarkt
Deutschland ist für ausländische Unternehmen der attraktivste Standort in Europa. Das ist das Ergebnis einer Studie der Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, berichtet unter anderem die WELT in ihrer online-Ausgabe vom 8. Juni 2006. Befragt wurden Manager von mehr als 1000 international tätigen Unternehmen. Im weltweiten Vergleich für 2006 belegt die Bundesrepublik Platz drei hinter den USA und China. Damit hat der Standort Deutschland die Wettbewerber Polen und Indien überholt, die im Vorjahr auf den Plätzen drei und vier standen.
"Es gibt keine Krise des Standorts Deutschland. Natürlich hat er seine Schwächen, aber die Stärken überwiegen", sagt Studienautor Peter Englisch. Dass die Bundesrepublik in der Gunst der internationalen Investoren deutlich zugelegt hat, liegt laut der Studie einerseits an einer tatsächlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen und andererseits an der stark verbesserten Stimmung in der deutschen Wirtschaft.
"Die Unternehmen schätzen die neue Dynamik und den wiedererwachten Optimismus in Deutschland", sagt der Studienautor. Anders als 2005 werde jetzt auch die Standortpolitik in Deutschland wieder mehrheitlich positiv bewertet. Dabei hat laut Studie auch der Regierungswechsel eine Rolle gespielt. „Die positive Entwicklung der Großen Koalition wurde sehr genau registriert. Allerdings genießt die Koalition einen Vertrauensvorschuss, den sie jetzt mit einem konsequenten Angehen der geplanten Reformen auch zurückzahlen muss", so der Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.
Besonders geschätzt wird der Standort Deutschland laut Studie wegen der ausgeprägten Infrastruktur, der Qualität von Forschung und Entwicklung, der guten Ausbildung der Arbeitskräfte, der politischen Stabilität sowie der Attraktivität des Binnenmarktes. Wenn es um den Aufbau von Verwaltungszentralen und Logistikzentren oder von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen geht, ist Deutschland gemeinsam mit den USA Weltspitze.
Abschläge in der Bewertung gab es dagegen für die hohen Arbeits- und Steuerkosten, den unflexiblen Arbeitsmarkt, die überbordende Bürokratie und die hohe Regulierungsdichte. Insbesondere die Arbeitskosten seien international gesehen ein Wettbewerbsnachteil. Allerdings würden die Investoren auch sehen, dass die Produktivität in Deutschland überdurchschnittlich steigt und die Lohnstückkosten - anders als in vielen anderen europäischen Ländern - stabil sind. „Billige Löhne und niedrige Steuern sind nicht allein ausschlaggebend bei der Standortwahl. Billig ist nicht automatisch gut."
Allerdings holen die Länder aus der Wachstumsregion Osteuropa zunehmend auf, insbesondere Polen und die Tschechische Republik. Derzeit aber halten sich die Konzerne mit Produktionsverlagerungen von Deutschland in Niedriglohnregionen wie Osteuropa oder auch Südostasien stark zurück. Plante 2005 noch ein Drittel der befragten Unternehmen eine Verlagerung, sind es aktuell lediglich 13 Prozent. „Die Firmen gehen davon aus, dass die Attraktivität des Standortes Deutschland in den kommenden Jahren eher zu- als abnehmen wird", sagt Englisch. Beim Aufbau neuer Kapazitäten in Deutschland setzen international tätige Konzerne zunehmend auf Beteiligungen. Mittlerweile nutzt knapp die Hälfte der Befragten Beteiligungsmodelle. Unternehmenskäufe stehen weniger hoch im Kurs.
Kommentar : Qualität lohnt sich
von Jörg Eigendorf, Leiter Wirtschaftsredaktion, Die WELT
Deutschland ist ein erstklassiger Standort. Nur die Deutschen selbst scheinen das noch nicht so richtig zu verstehen. So lässt sich das Ergebnis der Ernst & Young-Studie zusammenfassen.
Dabei sind einige Ergebnisse der Umfrage unter etwas mehr als 1000 Managern und Geschäftsführern der ganzen Welt besonders erfreulich: Der Trend, immer größere Teile der Wertschöpfungskette ins Ausland zu verlegen, scheint gestoppt. Planten im vergangenen Jahr noch 28 Prozent der Unternehmen Standortverlagerungen, so sind es nun nur noch 13 Prozent. Deutschland ist zudem global führend, was Transport, Logistik und Telekommunikation angeht. Und ein Makel für den Standort ist wie verflogen: der lähmende Pessimismus mit Blick auf Deutschland, das dem schwächelnden Japan der neunziger Jahre nachzueifern schien.
Das sollte Mut machen. Die Umfrage zeigt eindeutig, dass der Trend nicht zum Billig-Standort hingeht, sondern Manager sehr wohl Qualität bei Arbeitskräften, Infrastruktur und Rechtssicherheit zu schätzen wissen. Dafür sind sie auch bereit, höhere Preise, sprich Löhne, zu zahlen.
Die Gefahr ist nun, dass Politiker das Ergebnis derartiger Umfragen als Beweis heranziehen, dass ja doch alles nicht so schlimm ist. Das wäre fatal. So gelten vor allem das hohe Budgetdefizit und die ausschweifende Bürokratie weiterhin als Standortnachteil. Zudem zehrt Deutschland mit Blick auf die gute Infrastruktur weiter von seiner Substanz.
Auch trauen die von Ernst & Young befragten Manager der großen Koalition mehr zu als viele Menschen hierzulande. Die Mehrheit der Unternehmen erwartet, dass sich die Attraktivität Deutschland als Investitionsstandort in den nächsten drei Jahren weiter verbessert. Sollte die Regierung diese Erwartungen nicht erfüllen, wofür derzeit einiges spricht, wird das aktuelle Stimmungshoch schnell wieder vorbei sein.
Erschienen am 8. Juni 2006, Die WELT